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Die Superhelden des Wasserjournalismus

Die Superhelden des Wasserjournalismus

Wenn Sie J. Carl Ganter fragen, nach welcher Methode er und sein Team „Circle of Blue“ bei der Analyse und Berichterstattung über die drängendsten Probleme im Zusammenhang mit Wasser vorgehen, wird er Ihnen mit einem Augenzwinkern antworten: IWT. Das, so wird er erklären, steht für „I was there“ – ich war da. Ganter und sein Team aus Reportern, Fotografen und Forschern begeben sich stets direkt vor Ort, ins Epizentrum großer Storys oder solcher, die groß zu werden versprechen. Und diese gründliche Art zu recherchieren, zu berichten und sich zu engagieren war es, die Circle of Blue im Jahr 2012 den Centennial Innovation Award der Rockefeller Foundation einbrachte. 

Circle of Blue ist eine Organisation von Journalisten und Wissenschaftlern, die Informationen aus erster Hand über die Wasser- und Rohstoffkrise bietet und Zusammenhänge recherchiert. Ganter ist Mitbegründer und Leiter der Organisation. Als solcher ist er Gastredner auf zahlreichen kleinen und großen Veranstaltungen zum Thema Wasser. Dies ist aber, so sagt er, eher nebensächlich zu seiner eigentlichen Aufgabe. 

„In erster Linie bin ich Journalist“, erklärt er. „Wenn ich reise – sei es in die ländlichen Gebiete Indiens oder nach Davos in die Schweiz –, tue ich das stets als Reporter. Kürzlich habe ich drei Tage bei einer Familie in der Inneren Mongolei verbracht, die durch die trocknenden Graslandflächen wie auf Messers Schneide lebt. Ich fahre hin, ich sehe, ich berichte. Wir wollen aus der Nähe berichten, ganz persönlich.“ 

Dieser Vor-Ort-Journalismus ist jedoch nur ein Teil der Arbeit von Circle of Blue. „Eine unserer wahren Stärken: Wir gehen einen Schritt zurück, spüren große Trends auf, erkennen den Kontext – und so bilden sich die ganz großen Storys heraus“, sagt Ganter. „Vor Ort zu sein und die Erzählungen und Geschichten aufzufangen, ist also nur die Spitze des Eisberges. Wir wollen auch die Hintergründe aufdecken, auf die sich unsere Reportagen stützen.“ 

Ganter vergleicht die Arbeit von Circle of Blue – und die weitreichenden, schwierigen Herausforderungen im Zusammenhang mit dem Thema Wasser – mit der Arbeit von Technikern, die versuchen, die Apollo-13-Mission zu retten. „Wir legen alle einzelnen Puzzlestücke auf den Tisch. Dann versammeln wir eine Reihe von Experten darum und fragen nach der Bedeutung. Was sind die nächsten großen Fragen? Im weiteren Sinne“, fährt er fort „versuchen wir, nicht nur um den Tisch herum zu stehen, sondern der Tisch zu sein – ein neutraler, gemeinsamer Raum auf der Basis von frischen, dynamischen Fakten und Zusammenhängen.“ 

„Leider entspringt vieles von dem, was als Journalismus gilt, der breiten Masse und basiert nicht auf tief gehender Recherche. Unsere Arbeit hingegen kann man gewissermaßen so beschreiben: Time Magazine trifft auf Google trifft auf die Nachrichtensendung The Situation Room. Wir arbeiten zusammen mit den Superhelden des Journalismus, mit Wissenschaft, Daten und Design. So haben wir viel Energie und Vertrauen im Rücken, wenn wir eine ganz große Story voranbringen.“ 

Die Enthüllung der Wasserkrise Chinas 

Für ihr Projekt „Choke Point China“ ist Circle of Blue tief in die komplexen Zusammenhänge zwischen Energie und Wasser in China eingetaucht. „Wir sind mit vier Teams aus Fotografen, Datenforschern und Reportern nach China gereist und haben vor Ort mit chinesischen Universitäten zusammengearbeitet“, erzählt Ganter. „Unsere Frage: ,Was ist Chinas größte Herausforderung im Zusammenhang mit Wasser und Energie?‘ Wir waren die Ersten, die aufgezeigt haben: China hat nicht genügend Wasser, um weiterhin im selben Ausmaß Kohle für die Energiegewinnung zu fördern und zu verarbeiten. Das ist eine große Herausforderung für ein Land, das 70 Prozent seiner Elektrizität aus Kohle gewinnt.“ 

In Zusammenarbeit mit dem Wilson Center hat Circle of Blue herausgefunden, dass in China 20 Prozent des entnommenen Wassers für Abbau, Verarbeitung und Verbrauch von Kohle eingesetzt werden. Mit der Zunahme der Energieversorgung durch Kohlekraftwerke – bis 2020 wird ein Anstieg von 30 Prozent erwartet – wird der Wasserverbrauch dramatisch wachsen. Gleichzeitig jedoch gehen die Wasservorräte zurück. „Was bedeutet das? Es bedeutet: Auf China zu starren, ist die größte Gefahr für das BIP-Wachstum.“ 

Im Zuge seines Projektes gab das Team von Circle of Blue seine Ergebnisse an Experten aller Ebenen in China weiter. „Innerhalb von 16 Tagen haben wir 17 Präsentationen gehalten; unter anderem auch vor den Mitarbeitern des chinesischen Ministeriums für Wasserressourcen“, sagt Ganter. „Unsere Ergebnisse ermöglichen es dem Ministerium, die Bedeutung auch an andere Ministerien heranzutragen. Wir haben gesicherte Daten und eine neue Ausdrucksweise geliefert und in Worte gekleidet, die sie anderen verständlich machen.“ 

Drängende Herausforderungen 

„Meine erste Story als junger Journalist – ich war 15 – handelte von den Großen Seen in den USA. Es war zu der Zeit, als Jacques Cousteau mit seinem Schiff den Oberen See befuhr“, erinnert sich Ganter. Im Laufe seiner Karriere ist er mit allen Medienformen in Berührung gekommen – von Bildberichterstattung für Time, National Geographic und Rolling Stone bis hin zu Investigativjournalismus für NBC-5 Chicago. „Aber mein Weg führte immer wieder hin zum großen Thema Wasser. Es ist eine sehr komplizierte und zugleich faszinierende Geschichte, die alle Figuren enthält: Helden, Opfer, Verbrecher, Hoffnung, Optimismus, Technologie. Keine Geschichte ist so ergiebig, so aufregend und so wichtig wie das Thema Wasser.“ 

Ganter, der auch stellvertretender Vorsitzender des World Economic Forum’s Global Agenda Council on Water Security ist, hat beobachtet, dass sich in den letzten fünf Jahren die Sichtweise der Menschen auf das Thema Wasser stark verändert hat. „Wasser wird immer mehr zum Thema. Menschen und Unternehmen sehen die Zusammenhänge zwischen Wasser, Nahrung, Energie und Klima immer ganzheitlicher, als zusammenhängendes System. Wenn wir Entscheidungen in Bezug auf Energie treffen, betreffen diese also gleichzeitig auch Wasser und Nahrung. Das ist es, was so spannend ist. Was dabei jedoch erschreckend ist: Die Herausforderungen werden immer drängender – bekommt ein System einen Riss, verbreitet sich dieser viel schneller über den gesamten Globus.“ 

In Ganters Augen besteht die große Chance der Menschen darin, den Herausforderungen voraus zu sein. Und zwar, indem sie sie verstehen und indem sie Entscheidungsprozesse beeinflussen und beschleunigen. 

„Innovationen gründen auf Hoffnung“, so Ganter. „Hast du keine Hoffnung für die Zukunft, keinen Willen zur Verbesserung, änderst du auch nichts. Wenn ich mal entmutigt bin und mir die Herausforderungen unlösbar erscheinen, denke ich an die Menschen, denen ich begegnet bin. Menschen wie die Tochter der mongolischen Schäferfamilie. Sie kennt ihre GPS-Koordinaten und weiß, dass sie Teil einer großen, vernetzten Welt ist. Sie lernt, wie sie sich mehr engagieren kann. Und sie erfährt so, wie sie und ihre Freunde – deren Lebensweise im wahrsten Sinne des Wortes verdörrt – ihr Land schützen und retten können.“ 

„Es gibt überall Innovatoren und Helden. Menschen, die jeden Tag hart arbeiten, um ihre Welt ein kleines bisschen besser zu machen. Dass wir Zeit mit diesen Menschen verbringen können, dass wir Gründe haben, sie zu finden und ihre Geschichten zu erzählen, lehrt mich Demut.“ 

Hier lesen Sie mehr über Choke Point China.

von Chad Henderson